Wanderung aus dem Toggenburg über den höchsten Nagelfluh-Berg Europas nach Amden über dem Walensee
Der Speer ist der höchste Berg Europas! Ihr glaubt mir nicht? Na ja, meine Aussage klingt tatsächlich unglaublich und ist einerseits nicht völlig falsch, andererseits aber auch nicht ganz korrekt. Vollständig der Wahrheit entspricht sie nur mit dem Zusatz »aus Nagelfluh«. Der Speer ist also der höchste Nagelfluhberg Europas. Nagelfluh ist die Schweizer Bezeichnung für Konglomerat. Charakteristisch für Nagelfluh sind die zu einem Konglomerat verbackenen Kieselsteine, die wie Nägel aussehen und dann gebänderte Felsflanken bilden. Besonders im Frühling ergibt das ein schönes Bild, wenn zwischen den Felsbändern noch Schnee liegt.
Nagelfluh ist ein Sedimentgestein der voralpinen Molasse, die von Geologen gar nicht zu den Alpen gerechnet wird, sondern zum Mittelland. Der Speer ist demnach auch noch der höchste Gipfel des Mittellandes! Ziemlich viele Superlative für einen Berg, der nicht einmal die 2000-Meter-Marke erreicht.

Die gebänderten Flanken sind am Speer und seinen Nachbargipfeln jedoch nur auf den Nord-, West- und Ostseiten ausgeprägt. Weniger attraktiv sehen die Gipfel hingegen von Süden aus: Hier dominieren steile, zum Teil bewaldete Flanken und Alpweiden. Auf dem Bild oben sind die schräg einfallenden Schichten aus Nagelfluh ebenso schön zu sehen wie die weniger steilen Südflanken und die dicht bewaldeten Hänge unterhalb der Gipfel.
Der Nagelfluh-Grat vom Speer via Grappenhorn & Schafberg zum Federispitz, sieht sehr eindrucksvoll aus. Allerdings wirkt der Grat von der Stelli noch viel wilder als vom Speer selbst, wie folgendes Bild zeigt.

Der Speer ist in dieser Region nicht der einzige Berg aus Nagelfluh. Zwei andere davon sind ebenfalls sehr lohnende Gipfelziele, auf denen ich auch schon gestanden bin: Federispitz und Chüemettler. Beide sind leicht erreichbar, aber wie der Speer mit einigen Höhenmetern verbunden. Der markante Federispitz lässt sich gut von der Bahnstation Ziegelbrücke erreichen. Seine Aussicht steht der vom Speer kaum nach. Bei meinem Besuch vor fast 25 Jahren hatten wir ganztags leider nur Nebel. Alternativ auch von Weesen am Walensee über den Plättlispitz, einen seiner Vorgipfel. Diesen Anstieg habe ich vor einigen Jahren gemacht.

Erinnerungen, Erlebnisse und Geschichten
Am 23. Mai 1986 bestiegen mein Bruder und ich unseren ersten eigenen Gipfel in der Schweiz, den Speer zwischen Toggenburg und Walensee. Damals war das wunderbare Buch Zürcher Hausberge von Walter Pause & Hanns Schlüter (Hallwag, 5. Auflage 1979) unsere einzige Quelle. Der Speer sollte unser erster Gipfel sein – warum auch immer. »Rauhe Wege auf den Speer«, lautete seinerzeit die Überschrift im Buch.

Die Autoren schlagen eine Rundtour ab Amden vor, die im Abstieg wie im Beitrag hier von den Alp Oberchäseren via Durschlegi nach Amden führt. Wir wollten jedoch den Speer genau so sehen, wie er im Buch abgebildet war, spitz und steil von der Toggenburger Seite aus. Folgendes Bild zeigt den Speer aus dieser Perspektive ebenso wie das Beitragsbild oben.

Die Tour ist nun auf den Tag fast genau 40 Jahre her – perfekt also, um einen Beitrag über den Speer zu veröffentlichen. Die Bilder von der Tour stammen von einer zweiten Besteigung, sind also nicht ganz so alt. Beim zweiten Mal, ebenfalls im Mai, hatten wir fast dasselbe Wetter. Zu empfehlen ist der Speer bei klarem Wetter, die Fernsicht ist wirklich bemerkenswert.
Raue Wege auf den Speer
Zugegeben – diese Überschreitung ist nicht ganz so trivial zu bewerkstelligen, denn die Verbindungen ins Toggenburg sind mitunter etwas umständlich. Aber es erwartet euch eine abwechslungsreiche und bei normalen Verhältnissen einfache Tour, für die Ihr aber bei etwa 6 Std. Wanderzeit eine solide Kondition mitbringen solltet. Bei Schnee im Frühsommer und bei Nässe ist erhöhte Vorsicht angebracht! Natürlich ist die Tour auch ab und bis Stein oder Amden machbar.
Das Besondere an dieser Überschreitung ist der Kontrast zwischen dem rauen Toggenburg und der fast schon mediterran anmutenden Landschaft um den Walensee. Ja, ich gebe es zu – der Walensee zählt zu meinen Lieblingszielen in den Bergen. Warum? Ganz besonders in der kalten Jahreszeit und im Frühjahr wenn auf den Gipfeln noch Schnee liegt, kann man an Südhängen unterhalb der Churfirsten wunderbar wandern und dabei die Sonne genießen. Mehr dazu lest ihr im Beitrag Wandern am Walensee – Quinten, Betlis und Weesen.
Wanderung aus dem Toggenburg zum Speer
Von Stein im Toggenburg, 838 m, folgt ihr dem markierten Wanderweg, der zunächst kurz an der Thur entlang, dann links hinauf auf einem Fahrweg über Hinterbüel nach Hinter Laad führt. Bei der Kreuzung in Au geradeaus bis zur nächsten Verzweigung bei P. 966 m. Von hier nun auf einem Wanderweg rechts haltend in den Wald hinein und weiter auf die wunderschöne Lichtung von Perfiren, 1124 m. Anschließend geht es nochmals über einen Fahrweg, der euch zur Herrenalp, 1450 m, leitet.

Kurz vor der Herrenalp kann man alternativ rechts über Muelt die Stelli erreichen. Bei viel Altschnee im Frühsommer ist dies nicht zu empfehlen. Sicherer ist der Weg zur Alp Oberchäseren, 1651 m, die ihr von der Herrenalp in einem Rechtsbogen erreicht. Von hier geht’s hinauf zur Stelli, 1770 m, einer Art Sattel unter dem Gipfelaufbau des Speers. Durch die steile Südflanke (Vorsicht bei Schnee!) schlängelt sich der Steig in Kehren auf eine Schulter und von dort rasch zur Gipfelplattform auf dem Speer, 1951 m, mit Schautafel des Geo-Wegs.

Rundsicht vom Speer
Der Speer wird ähnlich wie der Hohe Kasten bisweilen als »Rigi der Ostschweiz« bezeichnet. Das verspricht eine weite Rundsicht. Die Aussicht vom Speer verbindet in schönster Weise den Gegensatz zwischen Alpen und Mittelland. Souverän überblicken wir die Linthebene und den Zürichsee.
Über der Linthebene erhebt sich das Duo Hirzli & Planggenstock, das ebenfalls aus Nagelfluh aufgebaut ist. Dahinter das vielgestaltige Gipfelmeer der Glarner Alpen und Innerschweizer Berge (Schwyzer Voralpen & Urner Alpen) mit Titlis, Uri Rotstock, Großer Mythen, Pilatus, Rigi. Eindrücklich präsentiert sich das gewaltige Glärnisch-Massiv, das direkt aus dem Boden zu wachsen scheint. Weiter hinten leuchtet die Eiskappe des Tödi, dem höchsten Berg der Glarner Alpen und der Ostschweiz.

Vom Walensee ist nur ein kleiner Fetzen zu sehen – der Mattstock stellt sich entschieden ins Blickfeld. Darüber zeigen die die Flumser Berge, dahinter die großen Gipfel mit Pizol, Ringelspitz und dem Duo Piz Sardona & Piz Segnas.

In Richtung Norden scheint der Blick grenzenlos. Über die grünen Hügel des Zürcher Oberlandes sehen wir ganz locker hinweg – bei guter Sicht zum Bodensee, zum Feldberg im Schwarzwald und zur Schwäbischen Alb.
Im Osten überblicken wir die Bergwelt über dem Toggenburg zwischen den Churfirsten und dem Alpstein mit dem alles überragenden Säntis. In der Ferne sieht man noch die Gipfel in Vorarlberg, mit Rätikon und Lechquellengebirge.

Wanderung vom Speer nach Amden
Zunächst wieder hinab zur Oberchäseren. Hier nach rechts bis zur nächsten Abzweigung, Saumchengel, 1497 m. Dort links haltend und an der Alp Hintermatt, 1429 m, vorbei wandert ihr hinab zum Fahrweg, den ihr bei P. 1273 m, erreicht. Nun gibt es keine Orientierungsprobleme mehr, der Fahrweg leitet gemütlich hinab nach Durschlegi, 1127 m. Unterwegs erklären einige Schautafeln des Geowegs Schänis-Weesen-Amden, die Entstehung der Landschaft. Durschlegi selbst bietet nochmals eine Ausblick zu den Glarner Alpen und schöne Tiefblicke auf die Walensee & Linthebene. Abwärts der Straße entlang, gelangt ihr nach Amden, 935 m, hoch über der Walensee-Riviera.

Von Amden bringt euch der Bus idealerweise nach Ziegelbrücke. Der Bahnhof Weesen existiert nicht mehr! Ziegelbrücke ist jedenfalls der beste Umstieg in alle Richtungen (Zürich – Basel, Sargans – Chur, Rapperswil – St. Gallen, Glarnerland), dort halten fast alle Züge.
Ausgangspunkt
Stein im Toggenburg, Bus ab Nesslau-Neu St. Johann oder Wildhaus (80.790). Bahn ab Wattwil nach Nesslau-Neu St. Johann (873). Stein ist per Pkw erreichbar, Parkplätze im Ort nahe der Kirche.
Endpunkt
Amden über dem Walensee, Bus nach Ziegelbrücke (80.650). Von Ziegelbrücke Bahnverbindung Richtung Zürich und Sargans/Chur (720, 900). Amden ist per Pkw auf einer gut ausgebauten Straße erreichbar, ausschließlich gebührenpflichtige Parkplätze.
Zeiten & Höhenmeter Stein – Perfiren 2 Std.
Perfiren – Oberchäseren 1 Std.
Oberchäseren – Speer 45 Min.
Speer – Oberchäseren 30 Min.
Oberchäseren – Durschlegi 1¼ Std.
Durschlegi – Amden 30 Min.
1113 Hm
1016 Hm
Anforderungen & Jahreszeit T2+, Trittsicherheit am Gipfel und bei Schneelage
Juni bis Oktober, oft schon im Mai und noch im November möglich
Swisstopo 50, 237 T Walenstadt, als Karte mit eingetragenen Wanderwegen, ist dies die erste Wahl.
Swisstopo 25, 1134 Walensee. Das perfekte Blatt für die Wanderung.
Swisstopo-App für Smartphone und Tablet.
Infos und Blattschnitte bei Swisstopo.
Hunziker, Manfred: Clubführer Säntis – Churfirsten, SAC Verlag, Bern, 1999. Beschreibt alle Berge zwischen Appenzell und dem Walensee. Top, mehr geht nicht, sehr empfehlenswert!
Widmer, Erich & Etter, Paul & Eschenmoser, Jakob: Churfirstenführer, Verlag Paul Haupt, Bern, 2. Auflage 1983. Der Vorgänger des SAC-Führers, etwas veraltet und nur noch antiquarisch erhältlich. Mit interessanten Schwarz-Weiß-Bildern und lesenswerten Kapiteln zur Geologie und zu Orts- und Flurnamen. Für die damalige Zeit fast schon ein Meilenstein in Sachen Layout und Optik!
Beerli-Kaufmann, Verena & Werner: Amden – Weesen, Baeschlin, Glarus, 2007. Liebevoll gestalteter, von »Locals« geschriebener Wanderführer. Nicht gerade preiswert, aber mit vielen Tourenvorschlägen und interessanten Hintergrundinfos.
Stein im Toggenburg ist mit dem Bus ab Nesslau-Neu St. Johann oder ab Wildhaus (80.790) erreichbar. Nesslau-Neu St. Johann mit der Bahn ab Wattwil (873).
Von Amden mit dem Bus nach Ziegelbrücke (80.650). Von Ziegelbrücke Bahnverbindungen Richtung Zürich und Sargans/Chur (720, 900) oder Richtung Rapperswil & St. Gallen (735) und ins Glarnerland (736).
Die Schweiz hat das beste System des öffentlichen Verkehrs – zumindest im Alpenraum. Ich habe selbst ein Halbtax-Abo (»Schweizer Bahncard«). Das Halbtax ist nicht nur in den Zügen, sondern auch in Bussen und vielen Bergbahnen gültig. Die Bahntickets sind nicht gerade preiswert, Parkplätze und Parkhäuser aber auch nicht.
Infos zu Preisen und Verbindungen:
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