Auf dem Normalweg, der Via Normale, von Santa Caterina Valfura zum Monte Sobretta
In früheren Zeiten war der Monte Sobretta ein eher wenig besuchter, vermutlich sogar einsamer Berg. Nicht nur die Nordwestseite, auch das Hochkar südöstlich unter dem Gipfel war von Gletschern bedeckt. Vom Ghiacciaio di Alpe Sud unter dem Südgipfel des Monte Sobretta ist nur noch ein kläglicher Rest übrig. Er wird in den nächsten Jahren wohl komplett verschwinden oder zum Blockgletscher werden. Von den beiden Gletschern in der unwegsamen Nordwestflanke, Ghiacciaio Sobretta Nordovest und Ghiacciaio Profa, ist auch nicht mehr allzu viel übrig. Wie das Beitragsbild zeigt, sind sie zum Teil mit Schutt und Geröll bedeckt.
Der Monte Sobretta zeigt keine markanten Gipfelformen, er beeindruckt mehr durch seine schiere Masse. Von Nordwesten, etwa vom Monte Vallecetta zeigt er sich als breiter Kamm, mit dem Hauptgipfel links und dem Südgipfel (Monte Sobretta Sud) rechts. Von beiden Gipfeln ziehen Grate Richtung Südosten. Diese umfassen ein breites, blockgefülltes Hochkar, das nur im Gipfelbereich steiler ist. Durch dieses Hochkar führt der Steig problemlos zum Gipfel.
Monte Sobretta – Schwierigkeitsgrad
Nach dem Bau der Bahn von Santa Caterina Valfura nach Sunny Valley, wurde der Weg zum Gipfel ausgebaut und markiert. Der ehemals einsame Anstieg ist zu einer einfache Bergwanderung geworden. Mit der Ruhe ist es hier nun zumindest während der Bahnbetriebszeiten vorbei. Wer dem Rummel ausweichen möchte, sollte den Berg erst ab Mitte September besteigen, nachdem die Bahnen den Betrieb eingestellt haben. Ich war ganz allein unterwegs und durfte über 3 Std. bei himmlischer Ruhe am Gipfel verbringen.
Fragwürdig sind die Eintragungen bei OSM: Von T1 bis T3 ist im munteren Wechsel alles dabei. Bei normalen (!) Verhältnissen (kein Schnee, kein Eis) findet sich auf dem Steig keine einzige T3er-Stelle. Aber auch die Bewertung T1 ist hier nicht angebracht. Es handelt sich um keine voralpine Wanderung wie bspw. von der Kleinen Scheidegg zum Männlichen oder auf der Strada Alta Leventina, um zwei Referenztouren des SAC zu zitieren. Hier haben wir echtes Hochgebirge, zwar ohne technischen Schwierigkeiten, aber ein Berg in dieser Höhe ist in jedem Fall ernst zu nehmen! Die korrekte Bewertung wäre jedenfalls T2.

Der Steig ist bis zum Gipfel immer gut ausgeprägt und breit. Im etwas steileren Schlusshang ist das Geröll auf dem Weg etwas grober, sodass hier ein Mindestmaß an Trittsicherheit nötig ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass während des Bergbahnbetriebs einige Sommerfrischler diesen Anstieg in Turnschuhen machen. Davon würde ich abraten, denn man spürt jeden Stein. Ein Bergschuh mit einer festen Sohle ist in jedem Fall vorzuziehen.
Wer die Bergbahn von Santa Caterina nimmt, rechne mit 2½ Std. von Sunny Valley bis zum Monte Sobretta und ca. 4 Std. insgesamt. Ob die Verhältnisse passen, zeigen euch die Webcams in Sunny Valley.
Sobretta-Gavia-Gruppe
Die Sobretta-Gavia-Gruppe war in früheren Zeiten eine Untergruppe der Ortler Alpen. Warum sie seit einiger Zeit als eigenständige Berggruppe geführt wird, ist für mich nicht so richtig nachvollziehbar. Valfura, Valle die Gavia, Passo di Gavia und Valle di Messi bis Ponte di Legno bilden die Grenze zu den Ortler Alpen. Im Süden (Val Camonica) und Westen (Valtellina) trennen tiefe Täler die Gruppe von den Bergamasker Alpen und den Livigno Alpen.

Höchster Gipfel ist der namengebende Monte Sobretta mit 3296 m. Auch seine Schartenhöhe ist beachtlich: Bei einer Prominenz von 835 Hm belegt er in der alpenweiten Rangliste Platz 284. Das verspricht eine tolle Fernsicht. Die Bilder zeigen, dass es sich unbedingt lohnt, einen klaren Tag abzuwarten.
Die Nummer zwei der Gruppe ist nicht der Monte Gavia, sondern die Punta di Pietra Rossa. Sie ist mit 3283 m nur knapp niedriger als der Monte Sobretta und im Gegensatz zum knapp höheren Oberhaupt eine markante und wilde Gipfelgestalt. Der Monte Gavia ist mit 3223 m der dritte Gipfel, der die 3200-m-Marke überschreitet. Auch er zeigt ein markantes Profil: Je nach Standpunkt als gewaltiges Horn oder als überdimensionaler Drohfinger.

Der Blick auf eine Übersichtskarte zeigt, dass sich die Sobretta-Gavia-Gruppe in drei Untergruppen aufteilen lässt. Nördlich des Passo dell’ Alpe die beiden in sich abgeschlossenen Massive des Monte Sobretta und des Monte Vallecetta. Südlich vom Passo dell’ Alpe bis zum Passo del Mortirolo der weit verzweigte Zentralstock rund um die Punta di Pietra Rossa. Südwestlich des Passo del Mortirolo schließt sich bis zum Passo d’Apprica eine eher fast schon voralpine Bergwelt an. Der Passo d’Apprica bildet die Grenze zu den Bergamasker Alpen (Alpi Bergamasche, Alpi Orobie). Auf mich übten diese Berge immer einen geheimnisvollen, fast schon exotischen Reiz aus. Nördlich der Alpen sind sie kaum bekannt.
Wanderung zum Monte Sobretta
Von Ponte dell’ Alpe, ca. 2290 m, zunächst auf dem Fahrweg 519, bis die Nummer 565 zum Monte Sobretta rechts abzweigt. Kurz darauf verlässt man den Fahrweg nach links. Der Wanderweg quert die Wiesenhänge zur Grotta Edelweiss. Von hier unterhalb der Felswände entlang in das Hochtal des Torrente dell’ Alpe. Nach einem kurzen Flachstück führt der Weg wieder etwas steiler hinauf zum Laghetto dell’ Alpe, 2752 m. Der größere See war Mitte September komplett ausgetrocknet, der kleinere See oberhalb hatte hingegen Wasser.
Von den Seen mit Nummer 560 weiter mit etwas Auf und Ab, bis zu einem steileren Schutthang. Diesen quert der Weg hinauf in die Mulde der Laghetti delle Lepri, ca. 2950 m. Kurz darauf zeigt ein Stein an, dass die 3000-m-Grenze erreicht ist. Noch sind es fast 300 Hm bis zum Gipfel. Das Ziel ist schon längst in Sicht, aber der Weg zieht sich. Aus der obersten Mulde führt der Steig in Kehren zum Gipfelplateau des Monte Sobretta, 3296 m, mit Gipfelkreuz, Fernrohr und Signalstange.

Panorama vom Monte Sobretta
Die Rundsicht vom Monte Sobretta ist phänomenal. Man überblickt von hier mehr oder weniger (fast) die gesamten Rätischen Alpen!

Wer von der Alpennordseite kommt, sieht von hier die Ortler Alpen für einmal aus einer völlig neuen Perspektive. Vom Ortler über Königspitze (davor der Kamm des Monte Confinale), Cevedale, Monte Vioz und Pizzo Tresero zur Punta San Matteo.

Hinter der Region um den Passo di Gavia (der Monte Gaviola ist kaum wahrnehmbar) ragen am Horizont Brenta, Presanella und Adamello auf.
Was für ein Traum, wenn im Süden die Berge im Dunst verblauen – so wie die Bergamasker Alpen auf dem folgenden Bild.

Im Süden sieht man den Dunst über der Val Camonica, die sich zwischen den südlichen Ausläufern der Adamellogruppe und den Bergamasker Alpen (Concarena, ganz rechts) erstreckt. Ganz hinten sieht man den flachen Rücken des Monte Guglielmo am Iseosee. Rechts von der flachen Schuttkuppe des Monte Sobretta Süd ist der Einschnitt der Valtellina (Veltlin) ausschnittsweise zu sehen.

Rechts der Valtellina fallen die markanten Gipfel des Pizzo Scalino und des Monte Disgrazia und natürlich die Gletscherberge der Bernina ins Auge. Über dem benachbarten Monte Vallecetta spielt sich die Cima de Piazzi als Herrscherin zwischen Bormio und Livigno auf.

Am nördlichen Horizont stehen unzählige Berge der Bündner Alpen: Piz Calderas, Piz Ela (dahinter der Tödi), Piz Kesch, Schesaplana, Piz Linard, Piz Buin, Fluchthorn, Piz Lischana, Muttler, um nur ein paar bekannte Namen zu nennen. Die Sicht reicht bis zur Kuchenspitze im Verwall!

Abstieg zum Passo dell’ Alpe
Wer im Abstieg noch Lust auf eine kleine und sehr schöne Zusatzschleife hat, dem sei der Weg zum Passo dell’ Alpe empfohlen. Die wunderschöne Passlandschaft lohnt den kurzen Umweg von 15 bis maximal 30 Min.
Dazu gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder am Bach bei der ersten Abzweigung dem Weg Richtung Pass nach rechts folgen (Weg 562). Diese Variante ist weitläufiger und mit einer Gegensteigung von gut 40 Hm verbunden, dafür vermutlich aussichtsreicher.

Ich wählte die Variante weiter unten (Weg 565A, nicht in allen Karten als markierter Steig eingetragen). Der Weg führt in Kehren steil in den Tobel hinab. Weiter unten passiert er eine kleine Schlucht. Die kunstvoll angelegte Treppenpassage ist mit etwas Trittsicherheit problemlos zu gehen. Auf einer Brücke über den Bach und am Hang entlang zu einem Wegweiser (von rechts Einmündung der anderen Variante). Hier nicht links den Hang hinab (wie der Wegweiser anzeigt), sondern weiterhin am Hang entlang, bis man den Passo dell’ Alpe, 2461 m, erreicht. Nun links Richtung Ponte dell’ Alpe, abwechselnd auf Wander- und Fahrwegen.
Tourencharakter
Relativ einfache Bergwanderung auf einen überragenden Aussichtsberg. Trotz Steig und Markierungen ist ein Mindestmaß an Trittsicherheit erforderlich.
Ausgangs- und Endpunkt
Ponte dell’ Alpe an der Straße von Santa Caterina Valfura zum Passo di Gavia. Zum Teil schmale & steile Bergstraße, Parkplatz auf der linken Seite. Bus ab Bormio / Santa Caterina (A073).
Zeiten & Höhenmeter Ponte dell’ Alpe – Laghetto dell’ Alpe 1½ Std.
Laghetto dell’ Alpe – Monte Sobretta 2 Std.
Monte Sobretta – Laghetto dell’ Alpe 1¼ Std.
Laghetto dell’ Alpe – Ponte dell’ Alpe 1 Std.
1030 Hm
Anforderungen & Jahreszeit T2, Trittsicherheit
Mitte/Ende Juli bis Oktober, solange schneefrei
Tabacco: 08 Ortles – Cebedale, 1:25 000. Beste Karte, enthält mehr kotierte Punkte als die Kompass-Karte. Die Karten sind mittlerweile wetter- und reißfest.
Kompass: 077 Ortler – Cevedale, 1:25 000. Ebenfalls gut geeignet, aber eine Nuance schwächer als Tabacco. Wetter- und reißfest.
Zahel, Mark: Rund um den Ortler, 60 Touren im Nationalpark Stilfserjoch, Bergverlag Rother, München, 2025. Enthält neben dem Monte Sobretta weitere leichte 3000er in den Ortler Alpen.
Unterwegs keine Möglichkeit.
Bus ab Bormio nach Santa Caterina und weiter zum Ausgangspunkt (A073) im Sommer (ca. Anfang Juni – Anfang September), nur werktags und nur wenige Kurse.
Bergbahn Santa Caterina Valfura Sunny Valley
Santa Caterina Valfura (Italienisch & Englisch)
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