Vom Passo di Gavia auf dem Normalweg, der Via Normale, zum Monte Gaviola
Je nach Sichtweise ist der Monte Gaviola der letzte Ausläufer oder der Beginn einer langen Gebirgskette, die am Passo di Gavia beginnt und die über viele wunderschöne Gipfel in nordöstlicher Richtung zur Punta San Matteo und weiter zum Cevedale zieht.
Der Monte Gaviola ist quasi der Wächter über dem Passo di Gavia. Mit einer Höhe von 3025 m (manche Karten billigen ihm nur 3022 m zu), schafft er es gerade so in den Club der 3000er. Er ist einer der kürzesten und leichtesten Gipfel in der Kategorie leichte 3000er in den Alpen.
Auf seiner Westseite bricht der Monte Gaviola mit überaus steilen Felswänden zu den Kehren der Straße über den Passo di Gavia ab. Nach Osten zeigt sich der Berg wesentlich sanfter. Auf dieser Seite führt der Normalweg zum Gipfel. Dies ist vermutlich der einzige Anstieg zum Monte Gaviola, der regelmäßig begangen wird.

Stimmungen & Momente am Monte Gaviola
Es war schon fast 15 Uhr, als ich bei kaltem Wind am Passo di Gavia aufbrach. Der Nordföhn jagte die Wolken über die Berge. Ob es oben am Gipfel überhaupt auszuhalten sein würde?
Schon bald folgten mir zwei Italienerinnen. Sie erreichten den Gipfel kurz nach mir. Wir kamen ins Gespräch. Stefania & Elisabetta lobten meine Italienisch-Kenntnisse, obwohl diese sehr überschaubar sind. In der Regel entschuldige ich das dann immer lächelnd mit einem »Mi scusi, parlo solo un po‘ di italiano«. Aber so sind Italienerinnen & Italiener – allein der Versuch, ihre Sprache zu sprechen, genügt. Als ich noch die obligaten Gipfelfotos von ihnen machte, waren sie völlig happy. Bereits nach einer guten Viertelstunde stiegen sie wieder ab.

Die nächsten beiden Stunden war ich allein am Gipfel mit wunderbaren Stimmungen. Momente, die man nirgends kaufen kann. Und nein, man kann sie auch nicht teilen – sorry, man muss sie selbst erleben. Ich kann euch davon erzählen und euch schöne Bilder zeigen, aber das wird niemals dasselbe sein, als wenn ihr es selbst erlebt. Jeder Mensch fühlt und erlebt anders, oder nicht?
Wenn ich in Bergbüchern, in Führern oder auf Karten die Touren anschaue und mir vorstelle, wie es denn sein könnte, ist die Wirklichkeit dann doch immer anders. Davon zu träumen ist auch sehr schön, keine Frage. Auch das mache ich sehr gerne. Das alles dann in natura zu erleben, ist dann nochmal etwas ganz anderes.

Hätte ich mir die Stimmung am Monte Gaviola wünschen dürfen, Sie hätte in etwa so ausgesehen, wie auf den beiden Bildern. Die wunderschöne Stimmung hatte jedoch ihren Preis: An diesem Tag blies ein kalter Nordföhn über die Berge. Am Gipfelkreuz war es ziemlich ungemütlich. Etwas unterhalb, auf der Südseite des Berges, war es mit Jacke und Mütze aber gut auszuhalten. Über zwei Stunden habe ich geschaut. Ewig hätte ich sitzen, schauen und träumen können. Das ständig wechselnde Licht und die sich damit ändernden Stimmungen – fast im Minutentakt machte ich neue Bilder. Das Bild oben entstand kurz nach 18 Uhr. Es war die letzte Aufnahme vom Gipfel. Anschließend stieg ich wieder ab. Kurz vor dem Passo di Gavia entstand folgende Aufnahme.

Zwischen Ortler Alpen & Sobretta-Gavia-Gruppe
Der Passo di Gavia trennt die Ortler Alpen von den Gipfeln der (kleinen) Sobretta-Gavia-Gruppe. Die Sobretta-Gavia-Gruppe war in früheren Zeiten eine Untergruppe der Ortler Alpen. Warum sie seit einiger Zeit als eigenständige Berggruppe geführt wird, ist für mich nicht so richtig nachvollziehbar.
Die Nonsberger Alpen auf der Ostseite der Ortler Alpen sind mittlerweile ebenfalls eine eigenständige Berggruppe. In diesem Fall lässt es sich geologisch begründen. Bei der Sobretta-Gavia-Gruppe hingegen nicht. Egal. Für mich hatte diese Region immer einen etwas geheimnisvollen, fast schon exotischen Reiz. Nördlich der Alpen sind diese Berge kaum bekannt.
Auf beiden Seiten des Passo di Gavia liegt je ein See: Auf der Nordseite der Lago Bianco, südlich der Passhöhe der dunkle Lago Nero. Beide haben ihren ganz eigenen Charakter.
Wanderung vom Passo di Gavia zum Monte Gaviola
Vom Parkplatz am Passo di Gavia, 2621 m, folgt ihr dem Weg (ohne Nummer auf den Wegweisern) zunächst in Richtung Osten auf den mächtigen Corno di Tre Signori zu. Bereits nach gut zehn Minuten zweigt der Anstieg zum Monte Gaviola rechts ab. Dies ist ebenso ausgeschildert, wie die nächste Abzweigung. Auch hier wieder rechts. Der Weg verläuft auf einem alten Kriegssteig, der mal mehr, mal weniger gut als solcher sichtbar ist. In manchen Abschnitten mutet er fast wie ein historischer Handelsweg an.

Es geht immer in Kehren über den Vorbau direkt auf den Gipfel zu. Der Steig erreicht dann eine aussichtsreiche Schulter. Von hier blickt man hinab auf den Passo di Gavia und zum spitzen Horn des Monte Gavia.
Der Steig quert nun in die Nordflanke des Monte Gaviola hinein. In einem Blockfeld verliert er sich ein wenig. Hier ist Trittsicherheit ebenso nötig wie im nachfolgenden gesicherten Abschnitt. Beide Passagen sind für Trittsichere problemlos zu gehen. Leichtsinn ist jedoch fehl am Platz, denn das Gelände ist in diesem Bereich sehr steil und etwas ausgesetzt. Vorsicht bei Schnee oder Eis!

Auf einer nächsten Schulter geht’s kurz hinab in eine Mulde und wieder hinauf zum Ostgrat, ca. 2960 m. Zuletzt in Kehren rasch hinauf zum Gipfelkreuz auf dem Monte Gaviola, 3025 m.
Panorama vom Monte Gaviola
Wer vermuten würde, dass jenseits vom Passo di Gavia die Welt der 3000er zu Ende ist, sieht von hier oben, dass sich südlich vom Passo di Tonale die Alpen mit der Adamello-Presanella-Gruppe nochmals auf über 3500 m aufschwingen. Erst dahinter sinken sie Richtung Poebene ab.
Zwei Berge dominieren die Rundsicht von hier oben: Im Nordwesten das spitze Horn des Monte Gavia, im Nordosten der markante Corno dei Tre Signori, an dem die drei Provinzen Sondrio, Brescia und Trento zusammentreffen. Zwei schöne Gipfel, die für Bergwanderinnen & Bergwanderer allerdings nicht erreichbar sind. Auch wenn manche Karten etwas anderes suggerieren: Beide Gipfel sind anspruchsvoll!

Links vom Corno dei Tre Signori schauen Pizzo Tresero & Punta Pedranzini mit ihren Gletschern hervor. Die höchsten Berge der Region sind hingegen weiter entfernt: Ortler, Monte Zebrù und Königspitze im Norden. Bei meinem Besuch steckten sie zum Teil in Wolken.
Das Beitragsbild oben zeigt euch den nördlichen Ausschnitt der Rundsicht von der Königspitze rechts bis zur Bernina links.
Rechts hinter dem Monte Gavia sieht man gerade noch den breiten Monte Sobretta – er ist der höchste Berg der Sobretta-Gavia-Gruppe. Links vom Monte Gavia schauen im Westen Cima di Piazzi und die Eisgipfel der Bernina herüber.
In der Tiefe blickt man über die Passlandschaft am Passo di Gavia mit Lago Bianco rechts auf der Nordseite und Lago Nero links auf der Südseite unterhalb der Kehren der Passstraße.

Genau in Süden liegt tief unten im Tal Ponte di Legno, der oberste Ort der Val Camonica. Darüber baut sich die Nordfront der Adamello-Presanella-Gruppe auf: Corno Baitone, Monte Adamello, Monte Fumo & Corno di Cavento. Die Cima Presanella versteckt sich hinter der Cima di Caione.
Die Voralpen im Süden sind hingegen hinter den Zacken der Monitcelli di Somalbosco nur zu erahnen …
Tourencharakter
Relativ einfache & kurze Bergwanderung auf einen wunderschönen Aussichtsberg. Der kurze Anstieg sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Mindestmaß an Trittsicherheit erforderlich ist. Jedenfalls ist dies nicht mit T1 zu bewerten.
Ausgangs- und Endpunkt
Passo di Gavia, zwischen Ortler Alpen und Sobretta-Gavia-Gruppe, der Bormio & Valfura im Norden mit Ponte di Legno (Val Camonica) im Süden verbindet. Von beiden Seiten zum Teil schmale & steile Bergstraße, großer Parkplatz auf der Passhöhe. Bus ab Bormio / Santa Caterina (A073).
Zeiten & Höhenmeter Passo di Gavia – Monte Gaviola 1¼ Std.
Monte Gaviola – Passo di Gavia 1 Std.
410 Hm
Anforderungen & Jahreszeit T2+, Trittsicherheit im Blockfeld und in einer gesicherten Passage
Mitte/Ende Juli bis Oktober, solange schneefrei
Tabacco: 079 Alta Val Camonica – Edolo – Adamello, 1:25 000. Beste Karte, enthält mehr kotierte Punkte als die Kompass-Karte. Die Karten sind mittlerweile wetter- und reißfest. Nur für den Monte Gaviola nötig – die anderen Gipfel der Ortler Alpen sind auf Blatt 08 Ortles – Cevedale zu finden.
Kompass: 077 Ortler – Cevedale, 1:25 000. Zwar eine Nuance schwächer als Tabacco, dafür mit den anderen Gipfeln der Ortler Alpen. Wetter- und reißfest.
Zahel, Mark: Rund um den Ortler, 60 Touren im Nationalpark Stilfserjoch, Bergverlag Rother, München, 2025. Enthält neben dem Monte Gaviola weitere leichte 3000er in den Ortler Alpen.
Wer sich intensiver mit den Bergen der südlichen Ortler Alpen beschäftigen möchte, kommt an den Büchern aus der Serie Rock & Ice von Idea Montagna, einer genialen Reihe für Gipfelsammler, nicht vorbei. Beschrieben werden jeweils die einfachsten Routen (=Normalwege) auf die Gipfel. Zwar leider nur auf Italienisch, aber mit ein wenig Grundkenntnissen oder einem Übersetzungsprogramm, lassen sich die wichtigsten Angaben erschließen.
Fangareggi, Alberto: 3000 Ortles – Cevedale, Vol. 1 Settori meridionale e orientale, Idea Montagna, Villa di Teolo, Italien, 2020. Neben Hochtouren enthält das Buch viele Touren auf leichte 3000er in den südlichen Ortler Alpen zwischen Valfura und Ultental.
Unterwegs keine Möglichkeit.
Bus ab Bormio & Santa Caterina (A073) im Sommer (ca. Anfang Juni – Anfang September), nur werktags und nur wenige Kurse.
Rifugio Bonetta am Passo di Gavia (Italienisch & Englisch)
Santa Caterina Valfura (Italienisch & Englisch)
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