Wanderung zur Kalvenwand (Kalfanwand) von Martell
Das Martelltal in den Ortler-Alpen ist eines der längsten Seitentäler des Vinschgaus. Es verläuft von den großen Gletschern unter der Zufallspitze in nordnordöstlicher Richtung und mündet bei Morter in den Vinschgau. Das Martelltal ist besonders als das höchste Anbaugebiet für Erdbeeren in Europa bekannt. Mehr Infos bei der Bürgergenossenschaft Martell.
Nicht nur für Obstfreunde, auch für ambitionierte Bergwanderinnen & Bergwanderer ist das Martelltal ein Paradies. Wer hier auf einen Gipfel steigen möchte, hat kaum eine andere Möglichkeit, als einen 3000er zu machen. Bis auf wenige Ausnahmen überschreiten fast alle Berge im Martelltal die »magische Grenze«. Im Gegensatz zu anderen Regionen, gibt es hier nicht nur anspruchsvolle 3000er, sondern mindestens ein Dutzend leichte 3000er.

Leichte 3000er im Martelltal
Auf der Westseite des Martelltals, im Laas-Marteller-Kamm, reiht sich ein leichter 3000er an den nächsten: Laaser Spitze (Orgelspitze) – Schluderspitze – Lyfispitze – Äußere Pederspitze – Mittlere Pederspitze – Kalvenwand – Plattenspitze – Hintere Schöntaufspitze – Madritschspitze.
Auch auf der Ostseite des Martelltals gibt es einige leichte 3000er (Vordere Rotspitze, Flimkanzel, Tuferspitze, Großes & Kleines Hasenöhrl). Abgesehen von der Vorderen Rotspitze lassen sie sich von der anderen Seite aus dem Ultental mit weniger Aufwand erreichen. Mit Höhenunterschieden von 1500 Hm und mehr sind die Anstiege aus dem Martelltal konditionell ziemlich knackige Touren.
Leichte 3000er zwischen Vinschgau & Ortler
Der Laas-Marteller-Kamm ist einer der längsten Seitenkämme in den Ortler Alpen. Er begleitet das Martelltal auf seiner linken Seite von der Eisseespitze bis zur Laaser Spitze (Orgelspitze), dem nordöstlichsten 3000er im Kammverlauf und zur Weißwand, dem letzten Gipfel des Kammes. Von hier sinkt er zum Vinschgau ab. Bereits seit den 1990er-Jahren sind die meisten Gipfel von Süden eisfrei zu erreichen.
In Hintermartell, dem Talschluss des Martelltals, ist die Auswahl besonders groß. Hier kann man sieben leichte 3000er machen, ohne den Standort zu wechseln. Die leichtesten davon sind Kalvenwand, Plattenspitze, Hintere Schöntaufspitze und Madritschspitze.

Die Hintere Schöntaufspitze ist vermutlich das populärste Gipfelziel. Sie wird aber eher von anderen Seite bestiegen. Dort führt eine Seilbahn von Sulden zur Schaubachhütte, die den Anstieg auf ein moderates Pensum, ca. 2½ Std. bei 860 Hm, verkürzt. Aus dem Martelltal sind hingegen fast 1300 Hm zu bewältigen.
Auch die Madritschspitze bietet keine technischen Schwierigkeiten. Der Weg ist jedoch weit. Bei gut 1200 Hm solltet ihr mit einer Gehzeit von 3½ bis 4 Std. bis zum Gipfel rechnen.
Ebenso leicht ist Plattenspitze. Hier führt ein markierter Pfad ohne jegliche technische Schwierigkeiten bis zum Gipfel. Dafür braucht es aber Stehvermögen: 1400 Hm und eine Aufstiegszeit von 4½ erfordern eine sehr gute Kondition.

Anspruchsvoller sind die beiden Pederspitzen (Mittlere und Äußere). Hier gibt es keinen Pfad und keine Markierung. Es hat maximal Steigspuren. Vor genau 20 Jahren habe ich beide Gipfel an einem Tag bestiegen. Tags darauf war ich auf der Plattenspitze. Der Blick von allen drei Gipfeln über den Laaser Ferner zur Vertainspitze, zum Hohen Angelus und hinab in den Vinschgau, ist unvergesslich. Wer die Pederspitzen machen möchte, braucht eine sehr gute Kondition für ca. 1500 Hm, Trittsicherheit, Erfahrung im weglosen Blockgelände und ein gutes Gespür für die beste Route. Die Tour liegt im Bereich T4, in manchen Abschnitten vielleicht sogar bei T4+.
Die Kalvenwand ist der einzige leichte 3000er im Laas-Marteller-Kamm, bei dem die konditionellen Anforderungen gerade noch als moderat zu bezeichnen sind. Sie ist mehr oder weniger nur ein Gratausläufer der Äußeren Pederspitze und als Gipfel nur wenig selbständig. Das schmälert die Tour und die prächtige Aussicht vom Gipfel aber in keiner Weise. Gerade für Einsteiger ins Hochgebirge hat dieser Berg viel zu bieten und ist mehr als nur eine Empfehlung, sich in diesen Höhen zu versuchen. Auf den Karten existieren verschiedene Namen für diesen Berg. Der Gipfel wird bisweilen auch als »Kalfanwand« bezeichnet.

Wanderung von der Enzianhütte zur Kalvenwand
Von der Enzianhütte, 2051 m, kurz talauswärts an der Straße entlang, bis in der Kurve nach links ein Fahrweg mit der Nummer 39 abzweigt. Diesem folgen, die Enzianalm bleibt rechts, bis der Pfad zur Kalvenwand erneut links abzweigt. Deutlich steiler geht’s nun durch den Wald hinauf zur Peder-Stieralm, 2252 m. Rechts an der Hütte vorbei führt der Weg über Alpweiden mit wechselnder Steilheit zu einer Abzweigung, ca. 2490 m.
Nun den Hang unter dem Pederköpfl nach links queren bis zu einer weiteren Wegverzweigung, ca. 2550 m, mit einer Aussichtstafel. Der Steig führt direkt in das Kar hinein, das von den beiden Graten der Kalvenwand eingerahmt wird. Im Kar quert er dann nach links auf den Südkamm des Gipfels hinaus. Über einen meist breiten Kamm geht es zum Gipfel der Kalvenwand, 3061 m, der von einem großen Steinmann geziert wird. Dazu gibt es am Boden ein beschriftetes Panorama.
Rundsicht von der Kalvenwand
Die Rundsicht von der Kalvenwand ist inmitten der vielen hohen Gipfel ein wenig eingeschränkt. Dennoch genießt man hier oben einen schönen Überblick über Bergwelt Martelltals. Der Talboden selbst ist nicht sichtbar, lediglich der Zufrittstausee schaut herauf. Im Nordosten zeigen sich über dem Einschnitt des Martelltals am Horizont Texelgruppe, Sarntaler Alpen und Zillertaler Alpen.

Im Osten und Südosten beherrscht der lange Zufrittkamm, zwischen dem Hasenöhrl links und den Eggenspitzen rechts, das Bild. Mittendrin erhebt sich die eindrucksvolle Pyramide der Zufrittspitze.
Im Südwesten präsentieren sich die Firngipfel der südlichen Ortler-Alpen, Monte Vioz, Palon della Mare und Zufallspitze. Weitern nach rechts schauen die höchsten Berge der Ortler Alpen, Königspitze, Monte Zebrù und Ortler gerade noch über den Laas-Marteller-Kamm herüber.

Lediglich im Nordhalbrund schränken die mächtigen Gipfel im Laas-Marteller-Kamm die Rundsicht ein. Von der Kalvenwand lassen sich die Anstiege zur Plattenspitze und auf die beiden Pederspitzen studieren. Sie wirken von hier aus wild und mächtig. Kein Wunder, schließlich sind sie nochmals 400 m höher!
Abstecher zum Pederköpfl & Abstieg zur Enzianhütte
Knapp oberhalb der im Anstieg erwähnten Wegverzeigung auf ca. 2550 m, quert eine schmaler Pfad hinüber zum Pederköpfl, 2585 m. Die Spuren sind nicht immer ausgeprägt, aber bei guter Sicht ist der kurze Übergang problemlos. Zuletzt muss man zum Gipfelsteinmann ein wenig absteigen. Der Umweg kostet kaum zusätzliche Zeit, maximal 15 Min.

Der kleine bescheidene Gipfel ist auch als selbständiges Ziel lohnend und bietet eine schöne Rundschau über das Martelltal. Von der Enzianhütte gut 1½ Std., 540 Hm, T2. In der Kompass-Karte ist das Pederköpfl nicht korrekt eingetragen.
Vom Gipfel dann deutlich steiler in Kehren direkt hinab zur unteren Wegverzweigung auf ca. 2490 m. Von hier wandert ihr wieder auf bekanntem Weg zur Enzianhütte zurück.
Tourencharakter
Einfache und aussichtsreiche Tour auf einen leichten 3000er. Auch für Anfänger in diesen Höhen, die Trittsicherheit und eine solide Kondition mitbringen, bestens geeignet. Die ebenfalls einfache Pederköpfl-Überschreitung verlangt zumindest Trittsicherheit und ein wenig Orientierungssinn.
Ausgangs- und Endpunkt
Enzianhütte, Bus ab und bis Schlanders/Goldrain (262). Gut ausgebaute Straße ab Morter, gebührenpflichtige Parkplätze.
Zeiten & Höhenmeter Enzianhütte – Kalvenwand 3 Std.
Kalvenwand – Enzianhütte 2 Std.
1010 Hm
Anforderungen & Jahreszeit T2
Juli bis Oktober
Tabacco: 045 Latsch – Martell – Schlanders, 1:25 000. Beste Karte, enthält mehr kotierte Punkte als die Kompass-Karte. Die Karten sind mittlerweile wetter- und reißfest.
Kompass: 069 Schlanders und Umgebung, 1:25 000. Ebenfalls gut geeignet, aber eine Nuance schwächer als Tabacco. Wetter- und reißfest.
Rochlitz, Karl-Heinz: Südtirol für Bergwanderer Band 1 Vinschgau, Athesia-Tappeiner, Bozen, 3. Auflage 2000. Zuletzt unter dem Titel Bergwandern in Südtirol erschienen. Zwar nicht mehr überall aktuell, aber bis heute der beste Gebietswanderführer über den Vinschgau und seine Seitentäler. Mit ausführlichen Wegbeschreibungen und einer exzellenten Bebilderung. Unübertroffen! Leider kaum mehr erhältlich.
Die Enzianhütte in Hintermartell ist ab Schlanders/Goldrain mit dem Bus erreichbar (262). Der erste Bus ist allerdings erst kurz vor 9 Uhr an der Enzianhütte. Im Sommer ist das definitiv zu spät – vor allem, wenn man längere Touren machen möchte.
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