Anspruchsvolle Bergtour auf einen 3000er in Südtirol
Von einer Tour zur Grabspitze wird man vor allem die Erkenntnis mitbringen, dass es sich dabei um eine sehr steile Angelegenheit handelt. Lediglich zwei kurze Passagen geben kurze Zeit zum Verschnaufen. Wer nach dieser Tour seine Gelenke und Muskeln nicht spürt, war definitiv gedopt!
Die Tour veröffentlichte ich zum ersten Mal in meinen Wanderführer Vergessene Pfade in Südtirol. Im Gegensatz zur vielbesuchten Wilden Kreuzspitze, ist die Grabspitze ein sehr stilles, fast schon exklusives Gipfelziel.
In Karten und auf Wegweisern wird die Grabspitze meist nur Grabspitz genannt. Nach Hanspaul Menara ist der Name eine mundartliche Form für Grauwand. Der früher ebenfalls gebräuchliche Name Hochferner, der auf ein längst verschwundenes Firnfeld in der Nordflanke zurückgeht, ist in den aktuellen Kartenwerken mittlerweile nicht mehr zu finden.
Die Grabspitze bildet ein mächtiges Massiv, das mit steilen Fels- und Schrofenflanken unmittelbar aus der Umgebung empor steigt. Wer den Berg von Norden und Osten, aber auch von Süden betrachtet, wird kaum auf die Idee kommen, dort hinaufzusteigen. Nur auf der Westseite gibt es eine Schwachstelle, die einen relativ einfachen Zugang ermöglicht.

Die Pfunderer Berge im Süden der Zillertaler Alpen
Die Grabspitze ist der dritthöchste Gipfel der Pfunderer Berge, einer Untergruppe der Zillertaler Alpen, die sich am Hohen Weißzint vom Hauptkamm der Zillertaler Alpen löst. Sie liegt komplett auf Südtiroler Boden und bildet ein weit verzweigtes Bergreich. Hier stehen fünf 3000er, von denen drei zu den leichten 3000ern zählen (Wilde Kreuzspitze, Grabspitze, Wurmaulspitze). Beliebtester dieser drei Gipfel ist die Wilde Kreuzspitze, der höchste Gipfel der Pfunderer Berge.

Abgesehen von einigen bekannteren Zielen wie der Wilden Kreuzspitze oder dem Pfunderer Höhenweg, gibt es hier noch viele stille, ja einsame Winkel. Auch die in diesem Beitrag vorgestellte Tour zur Grabspitze wird trotz Steig & Markierungen nur wenig begangen.
Der Charakter der Pfunderer Berge ist durchaus alpin. Die Gipfelhöhen erreichen im westlichen Teil 3132 m, mit insgesamt fünf 3000ern, wenn man die beiden Gipfel der Hochwart separat zählt. Vielfach zeigen die Gipfel bizarre Formen, besonders in den Graten, die von der Grabspitze oder der Wilden Kreuzspitze zum Pfitscher Tal absinken.
Auch im östlichen Abschnitt überschreiten viele Berge zumindest noch die 2600-m-Marke, einige sind sogar über 2800 m hoch (Napfspitze, Rote Riffl, Hochgrubbachspitze, Graunock). Erst ganz im Osten zwischen Mutenock und Windeck sind die Gipfel nicht mehr so markant und besonders auf den Südseiten mehr grasig als felsig.
Die Kompass Wanderkarte 081 Pfunderer Berge liefert euch einen perfekten Überblick über diese Bergwelt.
Einsam & anspruchsvoll zur Grabspitze
Die Tour zur Grabspitze ist eine anspruchsvolle Bergwanderung und keinesfalls zu unterschätzen! In meinem Buch Vergessene Pfade in Südtirol schrieb ich seinerzeit: »Steil, steiler, Grabspitze« – das bringt den Charakter der Tour auf den Punkt. Dabei ist die Horizontaldistanz nicht das Problem, manche Hüttenanstiege bringen eine längere Wegstrecke hinter sich. Der Anstieg zum Gipfel ist jedoch abschnittsweise sehr steil.
Hinzu kommt eine satte Höhendifferenz von über 1600 Hm. Also nicht jedermanns und jederfraus Sache … Zuletzt wartet noch ein ausgesetzter Grat vom Vorgipfel hinüber zum Gipfelkreuz. Hier sind absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit gefragt. Ein Fehltritt ist nicht erlaubt. Insgesamt ist die Tour längst nicht so einfach, wie in manchen Führerwerken beschrieben …
Am Gipfel fühlt man sich doch ziemlich weltentrückt. Von hier oben sind kaum Siedlungen zu sehen und man trifft unterwegs vermutlich nur wenige oder gar keine anderen Wanderinnen & Wanderer an. Klar, der große Höhenunterschied hält viele von einer Besteigung ab. Die Enge im steilen Graben, durch den der Steig führt, tut ein Übriges dazu.

Beeindruckend sind die »Sägezahngrate«, die beim Aufstieg bedrohlich über euch in den Himmel wachsen. Aussichtsreich wird diese Tour erst im letzten Abschnitt, wenn der Graben bereits tief unter euch liegt. Nur am Gipfelgrat ist der Blick in alle Richtungen frei.
Ähnlich wie bei der Wilden Kreuzspitze ist auch der Weg zur Grabspitze bei OTM (siehe unten) & OSM exakt eingetragen!
Noch ein Wort zu den Gehzeiten: Der Wegweiser gibt 5 Std. 10 Min. an. Ich war seinerzeit in exakt 4 Std. oben, inklusive Pausen. Einigermaßen fitte Wanderinnen & Wanderer dürften es in 4 Std. 30 Min. gut schaffen. Das ergibt ca. 8 Std. ± insgesamt. Der Wanderbuchautor Mark Zahel kommt ebenfalls auf 8 Std., Hanspaul Menara auf 8 Std. 30 Min.
Anspruchsvolle Wanderung zur Grabspitze
Von der Bushaltestelle Platz vorbei am Pfitscherhof über den Pfitscher Bach nach Überwasser, 1442 m. Ab hier folgt ihr der Markierung Nummer 11, zunächst links vom Bach (nach rechts ist der Durchgang zwischen den Höfen verboten!), bis ihr den Bach ein Stück weiter oben auf einer Brücke überqueren könnt. Zunächst wandert ihr dann auf einem breiten Wirtschaftsweg, aus dem schon bald ein Wanderweg wird. Dieser steigt in vielen Kehren steil durch den Wald an. Auf einer Höhe von ca. 1900 m quert er in einem Bogen durch etwas flacheres Gelände Richtung Osten. Zuletzt überschreitet ihr denselben Bach wie zu Beginn – nur eben in die andere Richtung, bis zum Wegweiser bei der Verzweigung P. 1914 m.
Hier zweigt ihr rechts ab und steigt wieder steiler durch Weidegelände in südöstlicher Richtung empor. Ihr quert nochmals den bekannten Bachlauf und gelangt so auf die andere Talseite. Durch eine Art Engstelle zwischen den überaus steilen Gipfeln von Zwölferspitz links und Rübespitz rechts, führt der Pfad sehr steil in eine höhere Mulde hinein. Hier legt sich das Gelände dann ein wenig zurück. Ihr seid nun fast in einer eigenen kleinen Welt, die sich bereits sehr abgeschieden anfühlt … und gleichzeitig wunderschön: Zwischen den Felsplatten breiten sich Mulden aus, die manchmal mit kleinen Seeaugen geschmückt sind.

Nach einer etwas flacheren Passage folgt ein kurzer Anstieg in einen namenlosen Sattel, ca. 2770 m, im Westsüdwestgrat der Grabspitze. Hier ist man von der engen Welt im steilen Graben befreit und es gibt endlich auch viel Aussicht. Genau gegenüber ragt die Königin der Pfunderer Berge auf – die Wilde Kreuzspitze.
Ab jetzt ist Trittsicherheit unerlässlich! Vom Sattel steigt ihr zunächst fast direkt über die Grathöhe an, weiter oben verläuft der Pfad dann meist knapp unterhalb. So gelangt ihr auf den Vorgipfel, 3024 m, der Grabspitze. Nun folgt ein zwar kurzer, aber doch kurzzeitig sehr ausgesetzter Grat und eine ebenso ausgesetzte Querung. Diese Passage ist nur für Trittsichere und Schwindelfreie ratsam! Wer sich das nicht zutraut, kann auch vom Vorgipfel die Rundsicht ohne größere »Verluste« genießen. Das Beitragsbild zeigt den Blick vom Vor- zum Hauptgipfel. Zuletzt geht es dann wieder völlig problemlos durch sandiges Geröll zum Gipfelkreuz auf der Grabspitze, 3059 m.

Rundsicht von der Grabspitze
Die Rundsicht reicht bis zum Ortler und Cevedale, zur Brenta und zum Adamello. Dazu die Dolomiten, Rieserfernergruppe (Schneebiger Nock, Hochgall), Zillertaler Alpen (Hochfeiler, Olperer), Patscherkofel, Karwendel, Zugspitze, Stubaier Alpen (Zuckerhütl, Habicht, Serles), Ötztaler Alpen (Wildspitze, Weißkugel). Also fast alles, was in Tirol Rang und Namen hat.

Besonders schön ist der Blick zur Wilden Kreuzspitze im Südwesten. Fast genau in der entgegengesetzten Richtung erhebt sich der Hochfeiler mit seinen Trabanten. Im Süden sieht man über dem tiefen Einschnitt des Valser Tals am Horizont die westlichen Dolomiten (Peitlerkofel, Geislerspitzen, Marmolada, Pala, Langkofel, Rosengarten, Latemar).

Wie bereits angedeutet, fühlt man sich hier oben ziemlich weltentrückt. Wenn gerade niemand unterwegs ist, könnte man fast schon das Gefühl bekommen, ganz allein auf der Welt zu sein …
Der schönste Blick auf die Grabspitze selbst bietet sich vom Vorgipfel aus. Von dort fällt besonders deren eigenartige, zum Teil mit Moos bewachsene Westflanke auf.
Tourencharakter
Teilweise sehr steile und anstrengende Tour auf einen fast nur von Einheimischen besuchten Dreitausender. Bergerfahrung, absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich, vor allem beim teilweise ausgesetzten Übergang zum Hauptgipfel. Nur bei sicherem Wetter gehen!
Ausgangs- und Endpunkt
Pfitsch-Platz, Weiler im Pfitscher Tal mit Bushaltestelle. Am besten erreichbar mit dem Bus ab Sterzing (311). Anfahrt mit dem Pkw zwar möglich, aber nur wenige Parkmöglichkeiten!
Zeiten & Höhenmeter Platz – Verzweigung, 1914 m 1½ Std.
Verzweigung, 1914 m – Sattel, 2780 m 2 Std.
Sattel, 2780 m – Grabspitze 1 Std.
Grabspitze – Sattel, 2780 m 45 Min.
Sattel, 2780 m – Verzweigung, 1914 m 1½ Std.
Verzweigung, 1914 m – Platz 1 Std.
1620 Hm
Anforderungen & Jahreszeit T4, Trittsicherheit & Schwindelfreiheit, insbesondere am Gipfelgrat!
Ende Juli bis Ende September (Nordseite!)
Tabacco: 037 Hochfeiler – Pfunderer Berge, 1:25 000. Exakte und schöne Karte.
Kompass: 081 Pfunderer Berge, 1:25 000. Perfekte Karte für die Pfunderer Berge, dazu wasser- und reißfest.
Zahel, Mark: Rund um Sterzing: Wipptal – zwischen Brenner und Brixen, Bergverlag Rother, München, 4. Auflage 2023. Enthält weitere Touren im Pfitscher Tal.
Unterwegs keine Möglichkeit.
Der ÖV ist im Raum Sterzing sehr gut ausgebaut. Der Ausgangspunkt Pfitsch-Platz der Tour ist ab Sterzing mit dem Bus (311) erreichbar.
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