Eigenverantwortung beim Bergwandern

Das Bild zeigt eine Wanderin beim Anstieg durch ein Blockfeld aus großen Gneisblöcken. Im Hintergrund erheben sich die Gipfel des Zillertaler Hauptkammes über dem Ahrntal, das auf der rechten Seite zu sehen ist. Am einem Traumtag Ende August ist keine Wolke am Himmel zu sehen.
Eigenverantwortung – Im weglosen Blockgelände

Sicher unterwegs mit Kompetenz & Erfahrung

Auf der Seite mit den Nutzungsbedingungen von Montolando findet ihr den folgenden Passus:

Haftungsausschluss

Die Tourenbeschreibungen und Informationen in diesen Beiträgen basieren auf meinen persönlichen Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen. Zum Zeitpunkt meiner Begehung war es so, wie vom mir geschildert. Ich kann keine Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit meiner Angaben und Beschreibungen geben. Je nach Jahreszeit, den aktuellen Wetterverhältnissen oder geänderten Bedingungen kann sich die Situation vor Ort anders darstellen. Zu einem anderen Zeitpunkt kann sich eine Route möglicherweise völlig anders präsentieren als bei meiner Begehung.

Alle Beiträge und Tourenvorschläge auf diesem Blog wurden von mir mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt. Eine Garantie für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben wird hiermit nicht gegeben, eine Haftung für die Inhalte ist ausgeschlossen. Die Verwendung der Informationen und die Begehung der Touren erfolgt in jedem Fall immer auf euer eigenes Risiko!

Ihr begeht alle diese Touren auf eure eigene Verantwortung. Ich übernehme keinerlei Haftung, ganz gleich aus welchem Grund.

Was bedeutet das nun konkret für euch? Nichts weniger als dass ihr die Tourenvorschläge oder Tourenvarianten, die in diesem Blog beschrieben sind, in Eigenverantwortung unternehmt und auch die Konsequenzen dafür tragt.

Eine Bergwanderin befindet sich an einem sonnigen Oktobertag auf dem Mythenweg. Sie passiert gerade eine felsige, etwas ausgesetzte, aber mit Ketten und einer Stahlbrücke gut gesicherte Passage. Im Hintergrund erkennt man schneebedeckte Berge rund um den Fluebrig in der Zentralschweiz. Der Himmel wird von Schleierwolken verziert.
Gesichert – Begehung dennoch auf eigene Gefahr

Eigenverantwortung als Kompetenz

Was ist unter »Eigenverantwortung« zu verstehen? Um die Beantwortung dieser Frage geht es im vorliegendem Beitrag. Dabei interessiert uns die juristische Seite der Eigenverantwortung zunächst eher weniger, sondern in erster Linie die persönliche. Wobei das Eine das Andere bedingen kann.

Die Begriffe »Eigenverantwortung«, »Eigenverantwortlichkeit« oder auch »Selbstverantwortung« meinen dasselbe: Verantwortung für das eigene Leben, das eigene Handeln und Unterlassen zu übernehmen. Ihr müsst für eure Fehler oder Versäumnisse gerade stehen und auch die Konsequenzen dafür tragen. Grundlage für die Eigenverantwortung ist das liberale Ideal des mündigen und selbstbestimmten Menschen. Daraus ließe sich ableiten, dass Eigenverantwortung nur in demokratischen Systemen möglich ist. Das wäre eine andere Diskussion, die ich hier nicht führen möchte. Eigenverantwortung beinhaltet gleichzeitig auch, die Verantwortung für andere zu übernehmen, sofern dies notwendig ist.

Eigenverantwortung wird gerne als Synonym verwendet, wenn man das eigene Leben in die Hand nimmt und nicht mehr von den Entscheidungen anderer abhängig ist. Das nennt man auch »Freiheit«. Die ist aber ohne Eigenverantwortung nicht möglich. In den Bergen könnt ihr verschiedene Aspekte der Eigenverantwortung lernen und trainieren. Dazu zählen die Kompetenzen »Entscheidungen treffen«, »Fehler eingestehen« und »verzichten«. Diese sind auch im »normalen Leben« von Bedeutung.

Auf dem Bild sieht man vom Gipfel des Monte Pizzocolo Richtung Süden über den südlichen Gardasee hinweg. Dahinter verliert sich die Poebene im Dunst. Im Vordergrund sieht man den flachen Ausläufer des Gipfels, der nach Süden vorstößt. Das Gras am Gipfel ist noch nicht grün, es hat einige Kalkfelsen und sogar zwei kleine Schneeflecken, die vermutlich noch vom letzten Neuschnee sind. Der Himmel ist blau und wolkenlos.
Freiheit – Ohne Verantwortung nicht zu haben

Wie könnte Eigenverantwortung in den Bergen nun konkret aussehen?

Eigenverantwortung bei der Planung

Bereits mit der Entscheidung für eine Tour übernehmt ihr Verantwortung für euch und für eure Tourenpartnerinnen & Tourenpartner. Ihr solltet also wissen, worauf ihr euch einlasst. Erste Voraussetzung ist eine realistische Einschätzung eurer eigenen Fähigkeiten und die eurer Begleiterinnen & Begleiter. Dies gilt für das Gelände und die zu erwartenden Schwierigkeiten als auch für die Länge und Dauer der Tour. Eine gründliche Recherche ist hier das A und O.

Als mein Bruder und ich 1986 anfingen, alleine in die Berge zu gehen, gab es AV-Führer, SAC-Führer und dann noch Karten von zum Teil sehr unterschiedlicher Güte. Das war’s. Wer von euch erinnert sich noch an die allzu nüchternen Beschreibungen in vielen SAC-Führern: »Von der Scharte über den gut gestuften Grat zum Gipfel«? Klingt nicht sehr aussagekräftig. Aber so war das damals. Oft bildete seinerzeit ein Satz wie dieser in Kombination mit der LKS (Landeskarte der Schweiz, heute Swisstopo) die einzige Entscheidungsrundlage für unsere Touren …

Heute ist das ganz anders. Es gibt viele Wander- und Tourenführer in Buchform, dazu unzählige Tourenportale im Internet. Die Möglichkeiten, sich über eine Tour zu informieren, sind fast unerschöpflich. Ihr könnt euch durch verschiedene Quellen ein differenziertes Bild davon machen, was euch erwartet. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die nicht in der Lage oder willens sind, eine Tour entsprechend ihren Fähigkeiten auszuwählen. Vereinfacht ließe sich sagen, dass sie in diesem Fall ihrer Eigenverantwortung nicht gerecht werden. Das kann zu bedrohlichen Situationen führen, die schlimmstenfalls auch für Bergretter oder andere Personen gefährlich werden können.

Update vom 10. Januar 2024: Mangelnde Eigenverantwortung kann sehr teuer werden. Das Beispiel der drei tschechischen Bergsteiger, die trotz schlechtem Wetter zum Großglockner wollten, zeigt, dass mangelnde Eigenverantwortung durchaus als grob fahrlässig bewertet werden kann. Sollte ein Gericht das so sehen, könnten auf die Bergsteiger Kosten von mehr als 20 000 Euro für den Rettungseinsatz zukommen.

Fragen stellen schafft Klarheit

Folgender Fragenkatalog soll euch dabei unterstützen, eine für euch gute Entscheidung zu treffen:

  • Passt die geplante Tour zu euren Fähigkeiten und denen eurer Begleiter (Dauer, Schwierigkeit)?
  • Verfügt ihr über die passende Ausrüstung?
  • Wie sind die aktuellen Verhältnisse am Berg (Schnee, Eis etc.)?
  • Welches Wetter ist zu erwarten?
  • Gibt es unterwegs alternative Ziele (Gipfel, Hütten)?

Und zusätzlich bei Wintertouren:

  • Welche Lawinenwarnstufe wird aktuell ausgegeben?
  • Wie steil ist das Gelände der gwählten Tour?
  • Sind Lawinenabgänge denkbar (Hänge > 30°)?

Beim SAC (Schweizer Alpenclub) findet ihr nützliche Hinweise zum Ablauf einer Tourenplanung und für ein erfolgreiches Bergerlebnis. Auf der Seite gibt’s außerdem Formulare zur Planungshilfe und weitere Links.

In jedem Fall gilt: Verlasst euch nicht nur auf eine Quelle. Ausnahmen sind Personen, deren Fähigkeiten und Erfahrung ihr gut kennt und die euch ebenso gut kennen oder aber Bergführer, Hüttenwarte und Einheimische, die wiederum ihre Berge genau kennen. Mal angenommen, irgend jemand erzählt euch von einer Tour – was wisst ihr über die Fähigkeiten und die Erfahrung dieser Person? Es ist sinnvoll, mehrere Quellen (Internet, Buch, Karte) zu Rate zu ziehen, um euch auf dieser Grundlage ein differenziertes Bild zu machen. Dinge kritisch zu hinterfragen, und das gilt auch für Routenbeschreibungen, ist ein Zeichen von Kompetenz. Mit der Zeit werdet ihr euch weiterentwickeln und letztlich immer besser darin, fundierte Entscheidungen zu treffen. Analog zu oben kann man dann sagen: Ihr werdet eurer Eigenverantwortung gerecht.

Auf dem Bild sieht man vom Wanderweg zum Violenhorn, das rechst am Bildrand noch erkennbar ist, hinüber zum Augstbordhorn in der linken Bildhälfte. Über dem Sattel in der Bildmitte sieht man noch das Schwarzhorn. Die beiden Berge sind jetzt im Herbst in der Gipfelregion bereits schneebedeckt. Im Hintergrund ziehen bereits dunkle Wolken auf, die Niederschläge in Form von Schnee ankündigen. Die Wolken decken den Himmel auf dem Bild komplett ab, während der mit Felsblöcken bedeckte Kamm in der rechten Bildhälfte noch von der Sonne beschienen wird.
Entscheiden – Front im Anmarsch

Schwäche geht anders

Zur Eigenverantwortung in den Bergen gehört auch der Mut umzukehren, falls ihr den Anforderungen nicht gewachsen seid, die Verhältnisse doch schlechter sind als angenommen oder ein Wettersturz droht. Wer möchte schon gerne einen Fehler (in der Planung) zugeben? Ehrlich zu sich sein und sich eine Fehlkalkulation einzugestehen, kann auch etwas Befreiendes haben. Aus den Fehlern werdet ihr die richtigen Schlüsse für eure künftige Tourenplanung ziehen. Vielleicht war es ja auch gar kein Fehler in Eurer Tourenplanung, sondern die Front kam schneller als prognostiziert. Auch das habe ich schon erlebt. Oder ihr trefft auf eine erst kürzlich abgerutschte Wegpassage, wovon bislang niemand etwas wusste.

Umzukehren ist nie ein Zeichen von Schwäche, sondern zeugt von Reife und Souveränität. Lieber einmal zu viel umgekehrt als einmal zu wenig. Ich bin selbst schon öfters umgekehrt und habe auf den Gipfel verzichtet. Fand ich das in dem Moment toll? Nein, natürlich nicht. Aber meine Vernunft hat stets gesiegt und auch deshalb durfte ich schon ca. 1600 Mal auf Bergen stehen. Letztlich solltet ihr einer Tour nicht nur gewachsen sein, sondern überlegen. In dem Sinn, dass es immer gut ist, noch Reserven zu haben. Der bekannte Südtiroler Extrembergsteiger Hans Kammerlander hat es einmal so formuliert: »Ein Berg gehört dir erst dann, wenn du wieder unten bist – vorher gehörst du ihm.« Kein Berg ist es wert, ein unkalkulierbares Risiko einzugehen. Das gilt selbst für so genannte »kleine Gipfel«! Auch wenn es ganz ohne Risiko natürlich nicht geht. Damit meine ich das allgemeine Lebensrisiko, ohne das ein Leben generell kaum möglich ist.

Risikomanagement für Einsteiger

An der Stelle möchte ich einen Exkurs zum Thema »Risikomanagement« machen. Dazu gibt es ein ganz wunderbares Buch: 3×3 Lawinen, Risikomanagement im Wintersport, von Werner Munter. Der Autor trägt den nicht ganz offiziellen Titel »Lawinenpapst«. In meinen Augen ist dies ein überaus interessantes Sachbuch, aus dem sich Grundlegendes in Sachen »Risikomanagement« ableiten lässt.

Werner Munter verfolgte einen völlig neuen Ansatz in der Lawinenkunde: Statt Verschüttetenrettung oder Analyse von Schneeprofilen stellte er eine entscheidende Frage ins Zentrum: »Gehen oder nicht gehen?« Es ging ihm um Prävention durch das Erkennen von Unfallmustern.

Eine der wichtigsten Thesen von Werner Munter: Null Risiko gibt es nicht. Wer das möchte, darf sich keinesfalls in ein Auto setzen. Aber man kann das Risiko durch sorgfältige Planung und Abwägung minimieren.

Nichts anderes mache ich bei Schneeschuhouren. Zwar bin ich gern mit Freunden unterwegs, aber auch gern allein. Und nicht immer finden sich Tourenpartner. Soll ich deshalb zu Hause bleiben? Ganz sicher nicht. Ein Alleingang im Winter kann problematisch werden, denn was sollte dann ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) bringen? Ist es für einen Einzelgänger nicht mehr oder weniger wertlos? Wer sollte mich finden, wenn ich allein unterwegs bin? Selbst wenn man einen Zettel im Auto lässt oder die Vermieter informiert: Wer in eine Lawine gerät und nicht bald gefunden wird, für den sinken die Überlebenschancen sehr schnell gegen Null.

In diesem Fall hilft ein vernünftiger Umgang, ein wie Werner Munter es nennt »sozialverträglicher Umgang« mit dem Risiko. Das täglich aktuelle Lawinenbulletin des SLF oder einer der anderen Lawinenwarndienste in den Alpenländern ist meine erste Entscheidungsgrundlage. Bei den Lawinenwarnstufen 4 und 5 bleibe ich zu Hause oder gehe in eine andere Region. Beide Warnstufen kommen eher selten vor und ein Verzicht ist daher kein Problem. Bei Lawinenwarnstufe 3 begebe ich mich nur auf Touren, deren steilste Stelle weniger als 30° steil sind und wo keine Lawinen von umliegenden steilen Hängen drohen. Das heißt nicht, dass Lawinen in dem Gelände dann völlig ausgeschlossen sind und selbst bei Lawinenwarnstufe 2 kann man eine falsche Entscheidung treffen und ein Schneebrett auslösen. Aber ich versuche mein Risiko zu minimieren. Auf diese Weise plane ich seit jeher meine Schneeschuhtouren. Dabei kam ich noch nie in eine brenzlige Situation.

Das folgende Bild zeigt, dass auch auf viel begangenen Routen wie hier am Hüenerchopf in der Ostschweiz ein kleines Restrisiko besteht. Schaut euch dazu die Wächten dort an, wo die Spur den Grat erreicht. Auch wenn bereits sehr viele Tourengänger da durch sind – vielleicht bricht sie irgendwann doch ab.

Auf dem Bild sieht man den letzten Hang beim Anstieg zum Sattel vor dem Hüenerchopf in der Ostschweiz im Winter. Der kleine Gipfelkopf erhebt sich knapp rechts über dem Sattel. Sowohl im Gipfelhang als auch unter dem Sattel sind viele Spuren von Skitourengängern zu erkennen. Zum Sattel quert eine Spur den Hang von links nach rechts. Dort sind auch ein paar Tourengänger zu sehen. Im Sattel ist zudem noch eine Schneewechte erkennbar. Der Himmel ist blau und wolkenlos.
Restrisiko – Spur im Winter

Letztlich bleibt es eure Verantwortung, wie viel Risiko ihr in Kauf zu nehmen bereit seid. Dabei solltet ihr auch immer an die Bergretter denken: Diese würden sich für euch vielleicht selbst in Gefahr begeben.

Verantwortung für andere

Zur Eigenverantwortung gehört manchmal auch, aktiv zu werden und bestimmte Dinge nicht zu unterlassen. Ein Beispiel hierfür ist eine andere Person, die in Schwierigkeiten steckt: Selbstverständlich solltet ihr Hilfe leisten – im Rahmen eurer Möglichkeiten, wohlgemerkt. Auf keinen Fall solltet ihr euch dafür selbst in Gefahr begeben. Aber einen Notruf absetzen oder, falls das nicht möglich ist, Hilfe holen. Dann habt ihr euer Soll erfüllt. Falls ihr keine Hilfe leistet, wäre es denkbar, euch wegen unterlassener Hilfeleistung zu belangen. Ob man euch hierfür jedoch tatsächlich juristisch zur Verantwortung zieht, ist eine ganz andere Frage.

Ihr seht, Eigenverantwortung ist auch beim Bergwandern eine wichtige Eigenschaft. Man kann in den Bergen mehr erleben und lernen, als Gipfel und Erfolge. Man kann einiges für die Persönlichkeitsentwicklung mitnehmen. Letztlich ist es entscheidend, dass ihr euch ein eigenes Bild macht und danach handelt. Das ist nicht immmer einfach und verlangt mitunter einige Erfahrung. Wie viele andere Dinge im Leben auch.

Ganz gleich, für welchen Titel ihr euch entscheidet – für Anfängerinnen & Anfänger im Bergwandern sind die drei Bücher gleich empfehlenswert. Sie sind von ausgewiesenen Fachleuten geschrieben, die ihr umfangreiches Wissen weitergeben. Um Missverständnissen vorzubeugen: Eins davon reicht!

Dick, Andreas & Schulte, Dirk: Alpin-Lehrplan 1: Bergwandern – Trekking (Wissen & Praxis), Hrsg. vom Deutschen Alpenverein (DAV), Bergverlag Rother, München, 8. Auflage 2023.

Perwitzschky, Olaf: Bergwandern – Bergsteigen: Basiswissen (Wissen & Praxis), ‎ Bergverlag Rother, München, 3. Auflage 2021.

Winkler, Kurt & Brehm, Hans P. & Haltmeier, Jürg: Bergsport Sommer: Technik / Taktik / Sicherheit (Ausbildung/Natur) SAC-Verlag, Bern, 6. Auflage 2022.

Munter, Werner: 3×3 Lawinen, Risikomanagement im Wintersport, Athesia-Tappeiner, Bozen, 7. Auflage 2023.

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